Leseproben

Leseproben
Aus Fisch und Bewusstlosigkeit oder die Abwesenheit des Kartographen
Erstes Kapitel, Die verhaltene Lachnummer
  • Das Papier, auf welchem mein Kopf lag, war unbrauchbar geworden. Die mit gelber Farbe eingezeichneten Wege hatten sich, durch die Wärme meiner Wange, zu einem unkenntlichen Gebirgsmassiv vermischt und aus den Namen der beschrifteten Orte und Landschaften wurde, durch die aufgeweichte Flüssigkeit aus meinen Augen, welche das Papier in meinem Schlaf eingesogen hatte, Wüste. Der kurze unbeabsichtigte Schlaf tat meinen Gedanken und meinem Leben in der Gegenwart keinen Abbruch. Nichts deutete auf ein Ende meines Lebens in der Gegenwart hin. Auch das Sterben, so sagte ich mir, ist nichts weiter als die Gegenwart der Sterblichkeit. Auch heute bin ich unterwegs. Den Vormittag habe ich, um den Verlust der Nacht wieder gut zu machen, arbeitend an meinem Riesenbrett mit vier in den Boden eingebohrten Beinen verbracht. An meinem Weltkartenuntertan, wie ich dieses Ungetüm an Tisch bezeichne. Oft mutmaße ich, ob diese grundfeste Arbeitsunterlage mit der platonischen Idee von Tisch vereinbar sei. Kein denkender Mensch hat die Vorstellung meines Tisches in seinem Gedächtnis. Keiner würde dieses dienende Ungetüm als Vorstellung eines Tisches für das Wort Tisch ansehen. Mein Tisch, er ist elfkommafünf mal und mehr an Größe wie die sonstigen gewöhnlichen, zwar hat er auch nur vier Beine, aber er ist fester verankert als jeder andere Tisch. Mein Kartentisch darf nicht verrücken. Das würde die Welt verändern, Ozeane verschieben, Kontinente überfluten, Länder auslöschen, wenn auch nur die Abbildung der Welt und Teile davon, je nachdem welchen Ort ich auf eine Karte bringe. Ich bin nämlich Kartograph, wenn ich mich nicht bewege, bin an den Tisch gefesselt. Am monströsen Vierbeiner, zeichne ich Karten. Trage Vektoren ein, Koordinaten, Felder, Linien, Beschriftungen, Zeichen, Symbole. Neuerdings, dagegen wehre ich mich auch nicht, verrichte ich diese Arbeit auch an vielen Arbeitsstunden an einem Bildschirm. Es macht mir nichts aus. Dann übertrage ich die virtuellen Daten die mir die Satelliten draußen übertragen haben, die Punkte und Koordinaten, die ich in mein tragbares Gerät eingesammelt habe, zuhause auf einen dieser Datenspeicher, woraus ich dann Wege, Straßen, Gebäude und all das geographische unanschauliche Anhängsel zu einer Karte verarbeite. Schon lange verfliegt die Zeit nicht mehr, auch nicht, je detailreicher und farbiger meine Karten werden. Zuerst dachte ich, ich könnte die Gegenwart in welcher ich lebe, überholen, indem ich, aus purer Lust und Laune heraus Karten reproduziere, sie abzeichne, die besonders wertvollen, von denen es sogar auch nur noch Reproduktionen gibt, weil die Originale verbrannt sind, gestohlen wurden oder vermisst werden, indem ich sie händisch reproduziere. Es hilft nicht. Genau so wenig hilfreich ist Licht. Lux Monumentalst. Links und rechts meines Tisches befinden sich zwei Monstrumleuchten. Mehr Licht hilft auch nicht. Oft trage ich eine Stirnlampe. So ein zusätzliches Licht am Kopf ist hilfreich bei Expertisen für Museumsankäufe oder für private Gutachten. Mein Vormittag gestaltete sich ebenso wie alle anderen Vormittage davor. Mit einem Unterschied. Ein gänzlich unerhebliches Ereignis rückte kurz nach Mittag einen Namen in mein Gedächtnis. Von da an war die Frage nach der Abwesenheit neben einem weiteren unauslöschlichen Namen, mit einem bisher von mir unbeachteten Namen verbunden. Ein weiterer Name fügte sich in die gegenwärtige fortdauernde Frage nach einer Abwesenden. Die Frau in der Blumenhandlung besaß gleichzeitig das wundersamste Vermögen und geheimnisvollste Unvermögen – nicht lächeln – zu können. Ich zog die Zeit, die Zeit die nicht meine war, in die Länge, um meiner Tochter, auch diesmal eine weiße Margarite auszusuchen, einpacken zu lassen, zu bezahlen und mitzubringen, in die längste Gegenwart und bereicherte meine eigene im Überfluss zeitigende Gegenwart nur noch weiter damit. Meine Tochter liebte diese glatten, unbeschriebenen, reinen Blüten in Weiß. Die Vorhersehbarkeit des ausbleibenden Lächelns und dessen Unveränderbarkeit war gewiss. Dennoch erstürmte dieses Ereignis an diesem Tag einen Namen aus meinem Gedächtnis. Das Nachdenken über das Unvermögenslächeln begleitete mich ebenso in das unbekannte Antiquariat, in welchem mich, sehr seltene Stadtpläne aus verschiedensten Jahrhunderten, eigens für mich zurückgelegt, zur Ansicht erwarteten, wie auch auf dem Weg in die Buchhandlung, in der gleichen Straße. Meine Tochter hatte mich ebenfalls wie immer bei meinen Ausflügen in die Stadt damit beauftragt, eines dieser Modemagazine mitzubringen. Die Buchhandlung verfügte über ein reichlich gut sortiertes Angebot an heimischen wie fremdsprachigen Fashion- und Modemagazinen, Zeitschriften, Comicsammlungen und die aktuellsten Ausgaben dieser japanischen Manga. An diesem Vormittag nahm ich von allen Modemagazinen ein Exemplar mit zur Kasse. Die Zeitschriften abwechselnd in einer dieser neumodischen recyclingfähigen Taschen verpackt unter meinem Arm, durch die Last der Taschen vornübergebeugt dahintrottend, rief ich mir ihr Bild in mein Gedächtnis zurück. Umso mehr Bruchstücke ihres gleichförmigen Gesichts, welches auch nicht die geringste Ausprägung einer lächelnden Bewegung zeigte, ich kleinformatig zusammensetzte und betrachtete, mir Mühe gab, das Bild nicht wieder aus meinem Gedächtnis zu verlieren, umso mehr brachte ich sie mit Ammonaria, die Trägerin des Namens, der mich überfallen hatte, in Verbindung. Ammonaria war eine Märtyrerin und war mir aus Gustave Flauberts Bearbeitung der Antoniusbiographie bekannt. Flaubert übergab sich in seiner Bearbeitung der Biographie des großen Antonius. Diese Ammonaria, von welcher Flaubert schreibt, sie interessierte mich nicht weiter. Eine zweite Ammonaria, von ihr ist nichts bekannt. Sie fand mit der namensgleichen Märtyrerin gleichzeitig den Tod. Ich brachte dieses Unvermögenslächeln nur mit dieser anderen Ammonaria in Verbindung, die denselben Namen trug, von welcher aber nichts weiter bekannt ist. Weder wer sie war, auch nicht, worin ihr Leben bestand. Sie fand den Tod mit der anderen. Nur ihr Name war bekannt. Ich begann sie in meinem Bewusstsein zu tragen, eine Abwesende, von der nichts weiter bekannt ist. Und doch war sie lebendig, hatte sie ein Leben gelebt. Sie trug den Namen der ersteren, denselben Namen wie eine Andere, an der ich keinerlei Interesse hatte. Auch Flaubert änderte nichts daran. Eine einzige Gegebenheit verursachte an diesem Nachmittag zwei Fragen. Was genau ließ diese Frau nicht lächeln und eine Sehnsucht nach Ammonaria, die in Verbindung mit der Kassafrau einherging. Wie schon erwähnt, hatte ich überdies vorher, gleichzeitig und auch nebenbei stets den Namen einer anderen in meinem Gedächtnis. Von dieser war mir alles bekannt. Wir teilten, ehe sie abwesend wurde, ein gemeinsames Leben. Von vorne beginnen. Die Gegenwart von vorne beginnen. Und doch endet das von vorne beginnen stets nur in der Gegenwart. Den Mangel an Lächeln wollte ich auch gar nicht so bleiben lassen. Ich startete, die Modemagazine unter dem Arm, noch in der Buchhandlung den verschämten Versuch eines Erzeugerlächelns. Wäre ich erfolgreich, würde ich zurück in die Blumenhandlung zurückkehren und aus dem Ernstfall als Sieger hervorgehen. Sogleich hatte ich, in wenigem Abstand zur Kassa der Buchhandlung, einen Geistesblitz an Humor. Ich täuschte vor, was ich nicht verloren hatte, zu suchen. Und da ich ein ungeübter, aber ausdauernder Sucher war, wenn nicht sogar der schlechteste Sucher war, der gerade eben zumindest in dieser Buchhandlung anwesend war, zum wiederholten Male meine Taschen und meine Jacke auszog und wiederum ankleidete, mehrfach Bücher aus dem Regal nahm, wahllos übrigens und diese wieder ohne auch nur irgendwie zu beachten, wieder ins Regal zurückbeförderte, worüber ich mein eigenes Lächeln verbergen musste, stellte man mir schließlich die eine erwartete Frage: „Wonach, was genau suchen Sie denn ?“ „Den Psalter des Hl. Antonius von Padua“, sprach ich leise aus, entgegen meiner ursprünglichen Absicht, die Pointe – in einem wohl formuliert verpackten Satz, in angemessener Körperhaltung, auf die Sekunde der Frage folgend – passend, vorzutragen. Und fügte sehr leise hinzu, „der, von Padua, welcher immer wieder mit seinem Namenspatron, Antonius der Große, verwechselt wird.“ Meine Feigheit tauchte meinen Witz ins Dunkle. Meine Enttäuschung, das Ausbleiben der lächelnden Konsequenz meines verschwiegenen quirligen Geistes hatte ich auch noch nicht überwunden, als ich schon, die Augen sofort fest zudrückend, seitdem ich mich meinem Haus genähert hatte, die Stufen kriechend hinauf zur Tür unseres Hauses überwunden hatte und das Schloss aufsperrte. Bezüglich des Psalters des Hl. Antonius hatte ich nicht gelogen. Ich suchte ihn tatsächlich. Meine Tochter und ich hatten uns das Haus in dieser Gasse ohne Namen bauen lassen. Die Straße sollte den eines berühmten Denkers tragen, doch die zuständigen Gemeinderäte konnten sich trotz zahlreicher Vorschläge in den Abstimmungen auf keinen einigen. Auch bei der endgültigen Abstimmung versagte das Gemeinderatskollektiv. Bis heute trägt unsere Straße keinen offiziellen Straßennamen. Ein Schild am Straßenrand ist ebenso wenig in Sichtweite wie ein Name der Gasse im Stadtplan. Ich selbst bin Kartograph, versicherte mich um die korrekte Lage im Stadtplan. Die Gasse ist kartographisch zur Gänze richtig erfasst. Das Eigentümliche unserer Gasse besteht darin, sie trägt keinen Namen im Stadtplan. Unsere Gasse ist nichts weiter als eine der dünnen Linien, links und rechts begrenzt durch einen ausgeprägteren Strich auf einem Faltplan. Nachdem sich herausstellte, dass die Gasse weiterhin ohne Namen bleibt, benannte meine Tochter unsere Gasse mit einem Namen. Einen Tag lang verschwand sie hinter dem Haus, im angeschlossenen Werkstatthäuschen, hämmerte sie in ein Blechschild einen Buchstaben nach dem anderen. Als sie zurückkehrte hielt sie ein Schild in Händen mit dem Namen >Gottlob Frege<. Es war das erste Schild. Am Namen hatte sie Gasse angefügt. Die folgenden Tage darauf folgten weitere Schilder. >Gottlob Frege Platz<, >Gottlob Frege Promenade<, >Gottlob Frege Brücke<. Eine Brücke gab es nicht. Sie nannte die offizielle namenlose Gasse, die ja tatsächlich namenlos geblieben war, nun inoffizielle namenlose Fregegasse. Benannt nach >Gottlob Frege<, einem vergessenen Logiker der Geschichte der Philosophie. Seit der ersten Schulklasse hatte sie eine orchestrale Begeisterung für diesen Denker entwickelt. Wann und wie sie sich dieses Wissen angeeignet hatte in ihrem Alter, darüber konnte ich nur mutmaßen. Sie verließ das Haus äußerst selten. Es musste immer was Dringendes sein, abgesehen von ihrem Schulweg als Pflichtausübung, über den sie nur als direkten Weg sprach. Meine Mutmaßungen veranlassten mich des Öfteren unter verschiedensten Vorwänden ihrer Zuneigung für Frege auf die Spur zu kommen. Es war aussichtslos bis zu dem Tag, an welchem sie mir als Aufgabe auf meinen Wegen in die Stadt, ein weißes Shirt mitgab mit der Bitte es mit der Zahl Null und einem durchgestrichenem Gleichheitszeichen bedrucken zu lassen. Sie meinte, ich würde es schon noch zu verstehen lernen, was es bedeute, dass die Zahl Null mit sich selbst identisch ist. Das Ende unserer Straße war ein tatsächliches Ende. Es war eine Sackgasse. Doch nicht deswegen. So führte die asphaltierte Straße neben unserem Haus noch zwei Meter geradeaus, der Asphalt war jedoch nicht abgeschrägt sondern schloss mit einer mit Bestimmtheit über hunderte Zentimeter hohen Kante an das Erdreich. Nach jedem Winter bildete sich an der Kante ein Loch, eine immer tiefer werdende Kluft von Straße und Grundstück, die von Frühjahr zu Frühjahr wuchs. Allmählich bildete sich ein tiefer Graben. Nächstes Jahr würde das gegenüberliegende Grundstück unerreichbar sein. Unser Haus jedoch blieb fest im Fundament. Es trotzte der Sackgasse und dem Winter. Beschwerlicher hatten es die zahlreich gestürzten Fahrradfahrer, die unvorbereitet in diesem Loch verschwanden. Wir witzelten sogar öfters, dass wir es doch schön haben so wie wir wohnen, gleich neben einem Massengrab. Unser Garten grenzte zu den Feldern hin, welche ihrerseits an einen Wald grenzten, einen Grünbewuchs an Stämmen und Astgewirr, welches am nahen Abend zu uns ins Zimmer leuchtete, als beginne dort an diesem Fleck ein fremdes unbekanntes noch auf keiner Karte verzeichnetes Stück Welt. Meine Tochter sprach des öfteren vom anderen Ende der Welt, wenn sie bei geöffneten Fenster den bis an die Wiesen grenzenden Wald betrachtete. Weder sie noch ich hatten auch nur irgendwie und je die Lust verspürt, wissen zu wollen, was sich hinter diesem Wald verbirgt. Anfangs sprach meine Tochter noch davon, sie vermute sogar eine Stadt hinter diesem Wald, eine Art Behausung wo alle Abwesenden wohnen. Oft hörte ich sie sagen, dass wohl ein riesiges Feld von Disteln bewachsen an den Wald grenze, ehe die Stadt der Abwesenden beginne. Auf der Hinterseite des Hauses, an der Grenze zur Wiese führte ein Gehsteig. Ein nutzlos errichteter Gehsteig. Das Haus, welches wir bewohnten, hatte drei Zimmer. Meine Tochter hielt den Grundriss des Baumeisters in Händen, sie selbst hatte den Architekten vom Grundstück verjagt, mit der Begründung sie wolle ein Heim für sich und für ihre gesammelten Hüte, sie liebe Hüte, keinesfalls eine Hälfte des Gebauten, in welchem Platz geschaffen wird, um Hüte zu stapeln. Am Tag, nachdem der Architekt verschwunden war, offene Honorare für bisher geleistete Arbeiten wurden nie eingefordert, auch später nicht, einen Tag darauf stellte sich ein unbekannter Baumeister vor, der von der Sache Wind bekommen hatte, dass am Ende der Straße ein leeres Grundstück, eine Tochter, ein Vater, Hüte und Landkarten darauf warteten, dass ein Mangel behoben wurde. Der Baumeister hörte sich die Wünsche meiner Tochter an ohne eine Miene zu verziehen. Am übernächsten Tag kam der Baumeister mit Plänen und Baggern wieder. Ich war mit allem einverstanden, auf den Plänen schien mir alles mit rechten Dingen zuzugehen. Bei Fertigstellung des Hauses teilte ich diese Ansicht nicht mehr. Das Haus war im Stil tatsächlich nüchtern. Obwohl von einem Baumeister errichtet durchaus ansehnlich. Hutfunktional. Kartenkompatibel. Hut- und Kartenfunktional. Da war jedoch diese Nase. Mein Einspruch blieb unerhört. Ich selbst, als Kartograph bin leidenschaftlicher Sammler von Landkarten und Stadtkarten. Auch Seekarten besitze ich. Wenige an der Anzahl dieser auf See unabdingbaren Navigationshilfen. Meine Sammlung an verschiedensten Karten verfügt über tausend Exemplare. Oder über fünftausend. Es können auch zehntausend oder mehr sein. Darunter sind auch Karten, die zum Großteil weißbefleckt sind, einige Stücke sind entstanden nur um zu täuschen. Stadtpläne sind darunter, die nie in den Handel gelangt sind, historische Karten, welche den Krieg bezeugen. Alle diese mappigen Linien und Striche, Viertel, Punkte, Flächen säuberlichst aufgetragen, in Unikaten in Duplikaten, in Reproduktionen, die zu tausendsten auf der Welt verteilt sind. Landkarten. Stadtpläne. Die genaue Anzahl all dieser Karten kenne ich nicht. Es ist ohnedies keine darunter, welche die Welt so abbildet, wie sie tatsächlich ist. Ein Mangel der Kartographie. Sie alle, meine Kartenlieblinge, sie alle aber tragen das, das sichtbar und unsichtbar ist, die Wirklichkeit wie die Illusion, auch wenn ihnen weniger der Mangel, als das Unvermögen anhaftet, der in der Natur dieser kartographischen Erzeugnisse liegt, die Welt nicht so abbilden zu können wie sie tatsächlich ist. In jeder Ecke meines Zimmers stehen zwei Globen. Wertvolle Globen sind schwer zu bekommen. Eine überaus wertvolle Sammlung beherbergt der >Nationale Schrein des Buches<. Ich verbringe in dieser Sammlung ausnehmend viel Zeit. Zu meinem
    Vergnügen leite ich Führungen. Nach Ende der Öffnungszeit bleibe ich noch alleine in
    der Sammlung.
    Ich weiß es nicht genau das Ausmaß der Stücke. Sie alle haben Platz gefunden in
    unserem Haus. Ohnedies vermisste ich die eine Karte, die eine, die nie gezeichnet,
    welche nie das Zeugnis meines inneren Zustands abbildete, am meisten. Ein zweites
    hatten die Karten mit sich gebracht, etwas, das damit zu tun hatte, aber maßgeblich
    vollkommen davon verschieden war. Im Laufe meiner Lehrtätigkeit an der Universität
    rückte die Suche nach dem Psalter des Hl. Antonius mehr und mehr in mein Interesse.
    Meine Tochter hat in ihren Überlegungen beim Hausbau penibel darauf geachtet, dass
    ich für alle Karten ausreichend Platz finde. Kartographie hat mit dem Inneren zu tun.
    Landkarten, Stadtkarten, alle Karten, wohl eher die neueren, nicht die Unikate, man
    kann sie in die Tasche geben, man kann, wenn sie an der Wand hängen mit der
    Handfläche über sie ziehen, sie passen in eine Handfläche.
    Landkarten sind das wirklich Innere und Bewohnbare einer Landschaft, einer Stadt,
    eines Areals. Der Welt. Der Flüsse die eine Region durchziehen. Karten sind
    einzigartig, auch in unserer Zeit, in der sie mühelos reproduziert werden und eine der
    anderen gleicht.
    Das Haus verfügt über ausladende Fenster mit breiten Bereichen davor, um darin Platz
    zu nehmen. Eine Symbiose einer Unarchitektur. Ich fühlte mich wohl. Worüber ich
    mich nie zu wundern aufhörte, ist die Nase des Hauses. Der Eingangsbereich, die
    Stiegen, die Tür, die zu unserem Haus führt, trägt eine Nase. Ich konnte mich bis heute
    nicht daran gewöhnen. Jedesmal wenn ich die Stufen durch die Nase hinaufgehe im
    Buckelstil, die Nase betrete, schließe ich die Augen.
    Wir leben gerne in diesem Haus. Mittlerweile gelingt es mir blind die Stufen des
    Hauses hinaufzusteigen, zuerst wähle ich eines der beiden Nasenlöcher. Meist das
    linke. Anfangs verirrte ich mich in das rechte Nasenloch, obwohl ich das linke wählte.
    Ich gehe den Nasengang hinauf, ertaste das Schlüsselloch, auch wenn es noch gar nicht
    finster ist, sondern blendendster Sonnenschein oder frühmorgens ist und kenne nur zu
    gut das Gefühl des verputzten Steins in meinen Händen. Ich hatte wieder einmal die
    Nase durchkrochen. Beschwerlich wird es im Winter. Lange Eiszapfen hängen aus der
    Nase. Ich kämpfe mich durch wenn sie nicht zu eng aneinander herabeisen. Ist kein
    Durchkommen, muss ich mit dem Spaten die Eiszapfen von der Nase schlagen.
    Einmal hatte ich meine Tochter darauf angesprochen, was denn der genaue Inhalt des
    doch eher lauten Gesprächs zwischen ihr und dem Architekten war. Sie meinte, er
    wollte eine Architektur des lächelndes Gesichts errichten und sie hätte es gerade noch
    verhindert in einem Gesicht zu wohnen. Noch weniger als das Gesicht hätte sie das
    Lächeln ertragen. An die Nase werde ich mich wohl gewöhnen meinte sie, sie wisse
    mich schon zu schützen und halte diesen Kompromiss der Nase ohne Gesicht ohnehin
    für besser.
    Auf dem Heimweg führte mich eine Abkürzung ins Pilvax. Meinen Besuch
    verschweige ich meiner Tochter. In der Atmosphäre dieses Cafés fühlte ich mich wohl.
    Die Fensterscheiben grau von Rauch und dem Dunst aus der Küche, eine Aussicht
    benötigen die Gäste hier nicht, die Vorhänge, im Ursprung rot, sind verdreckt. Über die
    Jahre und das ewig Gleiche. Hier habe ich das ungestörte Gefühl von Ähnlichkeiten.
    Auch von Übereinstimmung mit mir selbst. Der Heimweg war wie immer
    unbeschwerlich. Die Gegenwart kennt nur bekannte Fragen.
    Ehe ich mich bücke in die Nase zu kriechen, um in das Haus zu kommen, drängt sich
    die frisch umgewürfelte Erde im Garten auf. Meine Tochter hatte ein dreiundzwanzig
    mal dreiundzwanzig Meter großes Beet umgestochen. Ich hatte nicht die geringste, ja
    überhaupt keine Vermutung, wozu.
    Im Durchschreiten des Vorzimmers stolperte ich über mehrere Müllsäcke. Ohnehin
    verblieb ein enger schmaler Gang im Vorzimmer. Die Säcke waren
    übereinandergetürmt, nebeneinandergestellt. Die Säcke waren weiße durchsichtige
    Müllsäcke und waren oben hin noch offen. Sie waren mit Hüten gefüllt. Meine Tochter
    hatte all ihre Hüte in Müllsäcke verpackt.
    Die Hüte durcheinander, aufeinander. Einige dieser Hüter erweckten den Eindruck, als
    fehle ihnen das Gesicht, ein Hohlraum zwischen jedem einzelnen Hut und dem
    Müllsack erweckte den Gedanken an die Zeit. Dieser Anblick hatte etwas Monströses.
    Zudem waren die Säcke aufgebläht und dehnten sich mit jedem Schritt, den ich in das
    Vorzimmer tat, erweiterte sich besagter Hohlraum weiter und weiter. Überfallsartig
    drängte sich ein Gedanke in diesen Vorgang. Ich würde es nicht ertragen, hätte ein
    Anderer mein Leben.
    „Hast du zumindest heute ein Lächeln abbekommen und meine Zeitschrift, oder
    zumindest eines davon ?“
    fragte sie mich,
    „immerhin muss es denen ja schön langsam dämmern wonach du suchst“,
    hörte ich meine Tochter aus ihrem Zimmer rufen. Ich beließ beides, mein Suchen und
    das fragende Unbehagen an den Müllsäcke unbeantwortet, stellte mich zum Fenster in
    unserer großzügigen Küche, trat an den Fenstersims und richtete meinen Blick durch
    die Fensterscheibe nach außen. Alles war wie immer. Ich war durch eine Glasscheibe
    vom Leben getrennt. Die Gegenwart lässt nichts weiteres zu, ich habe kein Leben
    übrig.
    Mein Blick durch das Fenster traf das Baustellengitter auf der anderen Straßenseite.
    Gerade im Augenblick, als ich meinen Blick abwenden wollte, ihn wieder in den Raum
    richten wollte, war da dieser Rabe, der den Gehsteig entlang humpelte mit seinen
    Bewegungen, welche ich nach und nach erfasste und in eine Ordnung bringen musste.
    Der Rabe nahm den gesamten Platz vor dem Baustellengitter auf dem Gehsteig in
    Beschlag. Auch der Rabe, der sich noch mehr aufdrängt, füllt nur die Abwesenheit des
    Blicks.
    Von vorne beginnen. Ein weiteres abermals von vorne beginnen, eines dieser
    ungezählten von vorne beginnen. Jedes von vorne beginnen trägt die Gegenwart in
    sich.
    Sie war schon abwesend, ehe sie anwesend war. Auf meine Umarmung folgte weder
    eine Ablehnung noch eine Erwiderung. Obwohl die Umarmung eine spontane Sorge
    und Verliebtheit ausstrahlte, war sie überlegt. Überlegt in den langen Wochen der Zeit,
    als die Zeit noch eine solche war, ehe sie zur Gegenwart wurde. Aus vorgegebener
    Zufälligkeit bis eher aufgezwungen, eine Mischung aus diesen beiden sich ergebenden
    Tatsachen wurde eine gemeinsame Fahrt zum Flughafen. Ich verabschiedete sie für
    einige Monate nach Skandinavien. Von vorne beginnen. Mitten in der Gegenwart die
    Gegenwart von vorne beginnen. Was folgte, war das gegenseitige sich schreiben mit
    den Mitteln der modernen Kommunikation. Ehe ich im Schlaf versank, schickte ich die
    Zeilen und Sätze der Nacht an sie, die sie zeitig am Morgen, vor Verlassen des Hauses
    – je regelmäßiger meine Emails eintrafen – immer mehr erwartete und beantwortete
    und ich wiederum, als meine erste Tätigkeit sofort nach dem Erwachen am späten
    Nachmittag, las.
    Ich habe kein Leben übrig, mir bleibt nur die Gegenwart. Ich zähle zu den Übrigen.
    Wieviele es davon gibt, von den Übrigen, weiß ich nicht. Es werden weniger sein als
    ich Landkarten besitze. Vielleicht bin ich sogar der Einzige. Ein Gefühl an sie war
    stärker als ein Gedanke. Dennoch hätte ich ihr gerne meine Vermutung ausgesprochen,
    dass ich nie wieder der sein werde, der ich war, weil mich die Gegenwart daran
    hindert. Meine Gegenwart in der Zeit, die keine ist. Sie wollte nie die sein, die sie war.
    Ihr bleibt die Gegenwart verborgen.
    Der Rabe draußen machte keine Anstalten zu verschwinden. Er hatte etwas Komisches
    an sich, der Rabe. Vielleicht war es seine ungewöhnliche Größe. Vor allem das Auf und
    Abwippen seines Oberkörpers faszinierte mich. Dieses Wippen mit dem Oberkörper
    ließ meinen Blick auf diesen Raben verharren. Ich erkannte sofort die Unstimmigkeit.
    Ein Rabe wippt nicht mit dem Körper, ein Rabe wippt mit dem Kopf versuchte ich
    diese Bewegung, dich ich beobachtete, richtigzustellen. Nebenbei erinnerte mich das
    Wippen des Rabens an eine Holzfigur, in deren Mitte man ein Loch gebohrt hatte und
    mit einem Rundstab versehen hatte, damit eine Beugung der Holzfigur möglich wird.
    Neben der Komik, welcher der Rabe mit seinen Bewegungen ausübte, war es die
    Offensichtlichkeit seines Suchens, des Drehens seines Kopfes und das eben sehr
    aufmerksame ununterbrochene Suchen, das mich neugierig machte. Ich drückte
    meinen Kopf dicht an das Fenster um so, gleichsam mit dem Raben gemeinsam, zu
    suchen. Inmitten dieser Rabenbewegungskorrektur hörte ich aufgeregt meine Tochter
    rufen:
    „Es muss ein Ende haben, lass uns aufbrechen“,
    und es schallte mir weiters entgegen,
    „wir müssen uns sofort auf den Weg machen.“
    Ich erkannte die Dringlichkeit des Anliegens. Sie wolle mir dann unterwegs rechtzeitig
    sagen, wohin die Reise führt, hörte ich sie noch sagen.

Ende der Leseprobe die verhaltene Lachnummer aus Fisch und Bewusstlosigkeit oder die Abwesenheit des Kartographen

Aus Miniaturen einer Frage

Leben, kämpfen, fürchten

  • Auf dem Heimweg nahe der Rua das Janelas Verdes begegnete mir eine vietnamesische Frau mit einer Krücke. Sie war schwarz gekleidet und hatte dünne Beine. Sie wirkte trotz dieser Einschränkungen sehr erotisch auf mich. Ihr Altersmund verriet mir die Zeit ihrer Geburt. Ich begann ein Gespräch mit ihr, nicht aus dem Grund mich ihr anzunähern, sondern um ihr eine Frage zu stellen. Dazu bedurfte es lange, ihr eine Frage stellen zu können. Ich versuchte in klaren Sätzen in einer fremden Sprache zu sprechen. Die Art meiner Fragen war indiskret und ich musste sie durch zwei Filter übersetzen. Durch den Filter der Höflichkeit und mit der richtigen Grammatik der fremden Sprache verbinden. Gehe ich heute durch die Viertel hier, erinnere ich mich an diese Frau. Ich habe sie nie wieder gesehen. Mein Leben hat sich seitdem nicht geändert. Ich spreche nicht viel. Meist schweige ich. „Was ist ein Leben?“, frage ich mich, in mich hinein stelle ich diese Frage, die mich zu einer anderen Frage führen wird, dessen Auslöser diese schweigende Frau mit ihrer Bewegungshilfe war. Sie schwieg. Die Frau mit der Krücke blieb hartnäckig und schwieg. Mich brachte sie zum Reden, aber sie selbst blieb stumm. Nachdem ich mich höflich verabschiedet hatte und zu erkennen gab, dass ich ihr Schweigen respektiere, begann sie zu sprechen. Sie sagte mit einem sehr gleichförmigen Ton: „Die anderen fürchten um ihr Leben, während wir um unseres kämpfen. So sind wir.“ An Tagen, an denen ich zu mir selber keine besonders gute Beziehung habe, kehre ich zurück in dieses Viertel, an den Anfang der Rua das Janelas Verdes. Ich gehe sie mehrmals auf und ab. Am Platz mit dem Springbrunnen bleibe ich stehen. Es ist ein Platz, an welchem man mir meine Einsamkeit nicht ansieht, denn der Platz ist in seiner bröckelnden barocken Eleganz so mächtig, dass ich darin verschwinde. Inzwischen sind einige Jahre vergangen. Ich frage mich, wie es um sie steht. Bestimmt haben die Nachbarn schon mehrmals die Rettung geholt. Vielleicht leidet sie an völliger Verwirrtheit und legt ihre Windeln in das Gefrierfach. Unter Umständen ist ihre Altersdemenz soweit fortgeschritten, dass sich der Kot am Gang und im Bad häuft, der Türstock und der Türvorleger mit Kot verschmiert sind, voll Urin sind und sich die Mieter im Haus über sie beschweren. Sie wird ihr Brot ganz dünn schneiden und dieses dann mit Spießen essen. Wenn sie dann das erste Mal aggressiv wird und andere Mieter attackiert, wird man sie aus dem Haus entfernen und einweisen. Ihren Satz, den sie mir hinterlassen hat, habe ich mir aufgeschrieben. Anfangs, Wochen nachdem ich ihr begegnet war, habe ich im Viertel wo ich ihr begegnet bin, Leute auf der Straße gefragt, ob sie sie kennen, ob ihnen diese Frau bekannt ist. Ich hatte keinen Erfolg. Sie ist weg, hinzu addiert zu den Abwesenden. Der Moment ihres Sprechens jedoch hat ihre Abwesenheit überdauert und der Moment dieses Sprechens eines abwesenden Menschen dauert an. Bis heute. Ich denke sie nackt – nackt – wenn ich an sie denke. Ich denke sie stets unbekleidet, ich denke sie stets in Berührung ihres Mundes mit meinem Körper, ihrer Vagina, ihrer nackten Haut. Es ist die Haut, der Mund, die Vagina einer anderen, die ich denke, wenn ich sie nackt denke. Einer anderen, die ich schwarz kleide. Eine andere, die mir ihre Liebe gesteht, eine andere, die mit ihrem Mund mein Geschlecht liebkost, als wäre mein Geschlechtsteil mit ihrem Mund verwachsen. Diese andere, die der Grund ist – die Einsamkeit – zum Prinzip meiner Freiheit zu machen. Wann ist es obsessiv geworden, die Nacktheit dieser anderen zu denken? Die andere – die abwesend ist und die ich bei mir habe – mit wiederholten Unterbrechungen von Jahren, Tagen, Stunden – wann ist es obsessiv geworden ihren nackten Körper zu denken – anstatt an sie zu denken ? Wenn sie ist – mit ihrer Nacktheit – fürchte ich nicht um mein Leben. Ich kämpfe um mein Leben. Wenn ich mit ihr zusammen liege, das Bettlaken um unsere Beine gehüllt, unsere Hände unsere Gesicht umgreifend und wir zusammen so im Dämmerschlaf verharren, denke ich an das Leben der vietnamesischen Frau. Ihr Gesicht war gleichgültig, damals, als wir uns begegnet sind. Kann der Kampf um das Leben eine Gleichgültigkeit erzeugen? Wollte sie sich keine Blöße geben vor mir? Ich will das Leben dieser Frau aufschreiben, will wissen, was dazu geführt hat, dass sie eine Krücke benutzt. Will wissen, was sie in dieses Land geführt hat – das ihr so fremd sein muss, immer noch, vermute ich. Ich fürchte mit meinen Gedanken die zu wecken, die in ihrer Hand mein Gesicht hält, als wäre es wert beschützt zu werden. Tage später sind beide abwesend. Die Frau, die ich nackt kenne und der meine Obsession gilt, sie werde ich wiedersehen. Sie und ich – wir – leben in einer Dichotomie von Anwesenheit und Abwesenheit. Die andere werde ich nicht mehr suchen, ich werde nicht mehr nach ihr fragen. Ich brauche ihr Leben nicht zu wissen, ihr Leben nicht aufzuschreiben. Sie war nackt vor mir. Sie hatte sich mit Ihrer Antwort selbst entkleidet.

Ende der Leseprobe Leben, Kämpfen, Fürchten aus Miniaturen einer Frage

Movimento de uma mão

O sinal mudou para verde. Ela não tinha nenhuma pressa para atravessar a rua. Agarrou com força as mãos dele na despedida. Ele não se afastou dela, as suas pernas continuaram a andar, ela afastava-se do cruzamento e dele ao atravessar para o outro lado da rua, o sinal executava uma dança intermitente antes de passar para o sinal vermelho. Há vinte e três anos ele pousava as suas mãos em cima da mesa, enquanto ela folheava as fotos. As suas mãos não lhe chamaram a atenção. Nem as dele nem as dela. A sua voz era suave e a perspetiva de um futuro, que na altura estava longe de apontar para uma rotina diária, estava ali. Mas era a perspetiva de um certo futuro, como ela dizia. O sinal não se cansava, um automóvel passava no cruzamento mesmo no final do sinal amarelo intermitente. Antes do que estava ela a falar? E ontem? Agarrava a sua mão desde ontem? A maneira como ela perguntava pelo seu nome, enquanto a mão dele pousava na sua e a forma como ele sentia o seu toque cada vez mais apertado. Quanto mais ela tentava decifrar o seu nome, mais ele sentia o seu intenso toque e tinha vontade de rir, mas tê-la-ia magoado com o seu riso grosseiro. Ele quer guardar na memória as suas histórias, da avó que dominava o dialeto antigo do seu país, dos cisnes da Konzerthaus (*), da sua casa no parque das esculturas, do seu pai que ela detestava porque tinha como hábito o suborno dos funcionários. Ela riu um pouco quando lhe lembrou que adorava quando ele dizia: “Tira os teus cabelos da cara, gosto do teu rosto sério”, onde ele de fato percebia um rosto com traços sérios e tentava pensar exatamente o oposto para ser simpático. Ele não lhe escreve sobre a mulher que está na cama do quarto ao lado. Omite também que dormiu com ela há duas horas atrás. A humilhação desta revelação não a faz na carta. Até na cozinha ele consegue ouvi-la, o seu respirar, o seu ressonar, uma vez ela levantou-se e procurava a casa de banho, ele receou que ela o iria incomodar na escrita da carta. Assustou-o a ideia de que ela iria perguntar-lhe sobre a forma e a razão da carta. Como ele detestava justificações. Assim como respostas para as justificações. Ele conta-lhe sobre as colinas cobertas de neve: que ao acordar, quando esticava o corpo da cama, avistava em primeiro lugar a colina, depois baixava a cabeça involuntariamente e o seu olhar permanecia no lago. A mão da sua amante tinha uma cicatriz vermelha no dedo indicador e no dedo médio. Ele reparou nisso. Não expressou as suas suspeitas. A pergunta sobre a cicatriz desapareceu com o desviar do olhar da sua mão. A ferida podia ter-se originado numa fricção, quando a mão procurava o cinto e a parte de cima da mão roçava na parte de plástico do carro. Ou na sua mala onde as peças de roupa de teatro tinham rasgões e deixavam arranhões nas mãos caso houvesse imprudência e pressa. O metal afiado do banco da casa de banho podia provocar feridas quando não se tem cuidado. A placa de vidro que tem nas escadas causaria cortes em caso de negligência pura. Será que ela não fez um corte quando desligou a luz com um livro na mão, e ao subir sobre a superfície de vidro das escadas fez um corte na pele e só reparou na manhã seguinte? Nas articulações dos dedos notava-se uma vermelhidão maior. Seria um anel ou uma joia de uma outra pessoa que tinha causado o arranhão na superfície das mãos e nos dedos? Ela agarrou na sua mão no dia antes da história. Era a mesma mão que ela agora não largava na despedida dos dois. Exigia de forma clara que ele largasse as suas mãos. Ele não a voltaria a ver. Atravessou a estrada rapidamente no sinal verde. Não havia cisnes que o pudessem deter nem queria adquirir para já outra língua impregnada de uma pronúncia local colorida. Ele achava que a loucura de viver num parque de esculturas era descabida em qualquer estação do ano. A mão dobrou o papel que foi colocado no envelope. Ele pousa o envelope virado para cima. Quer esquivar-se a uma pergunta. À questão da cor de cabelo da outra mulher sobre a qual ele nada lhe disse.

(*) Konzerthaus é uma sala de concertos musicais em Viena, na Áustria
Tradução/Übersetzung: Eliana Pereira
Paul McCartney

Aus der abfahrenden U-Bahn, durch das Fenster hindurch, lässt mich die Werbevideowall wissen: >Paul McCartney von Virus gestoppt<. Ich verabschiedete meinen Begleiter aus dem Klinikum. Den Packen Papier, eine durchaus lesenswerte Ansammlung an journalistischen Tagesaktualitäten, wehrte ich ab. Ebenso das Warten zu akzeptieren. Ich setzte mich zu den anderen Wartenden. Selbst Warten als Wartender verdrängte ich. Der Raum war dunkel. Auf die Kanüle am linken Arm setzte der Arzt ein silbernes rundes Gefäß. Darin war eine Flüssigkeit mit radioaktiver Substanz. Es sollte die nachfolgende Untersuchung hilfreich unterstützen. Rasch, sehr rasch, um der Strahlung aus dem Weg zu gehen, setzte der Arzt das leere Metallgefäß wieder in die Luke, verschloss den Riegel, setzte in dem engen Raum drei Schritte nach draußen auf den Gang und die Tür verdrängte das Ganglicht. Dreißig Minuten hatte ich nicht zu warten. Stattdessen eine halbe Stunde ruhen. Vom Wartenden, vom Wartenablehner zum Zwangsberuhten war ich geworden. An Paul McCartney dachte ich – ungezählt – geschätzte achtundvierzig Mal. Warum Paul McCartney ? Warum sein Name? In meinem Gedächtnis ließ ich mir – gezählte zweitausendeinhundertunddrei Namen durch den Kopf gehen. Nobelpreisträger, Models, Schriftsteller, Massenmörder, Waffenhändler, Politiker, auch die, die durch Gewalt gestorben waren, ehemalige Nachbarn, Mitschüler, deren Namen mir ins Gedächtnis kamen, mythische Figuren, Götter in Weiß, Rot, Grau, Grün, griechische, römische und Vierschanzentourneesieger, Wetten-dass-Verunglückte, Rekordhalter im Heiraten und Wiederverheiraten, Hollywoodkinderstars, sämtliche Eltern meiner Ex-Freundinnen, die Freunde meiner Brüder, Päpste und Religionsführer der letzten zweitausend Jahren, die elf Apostel, alle Welteroberer auf Schiffen, an Land, alle Entdecker und Pioniere, auch die, die die Luft erobert hatten. Daedalus dachte ich, Daedalus Paul, ach nein Daedalus, alle Unsterblichen, Pollux Paul, nein, nur Pollux. Pollux – unsterblicher Pollux, der Sohn des Jupiters. Pollux hat nichts dazu getan unsterblich zu sein, war der Sohn des Jupiter und deswegen unsterblich. Science-Fiction, Renaissance, Dreißigjähriger Krieg, Befreiung der Kolonien. Paul, Paul. Wo versteckst du dich noch? Neffe von Ludwig, Paul, auch krank. Aus Paul wurde Paulchen, rosa und Bademeister, die Liste war fertig. Paul. Finito. Paul. McCartney. Fin. Finito. Paul. Nicht Paulchen. Nicht abschweifen. Keine Inkonsequenz der Namen. Im Sterben gibt es kein Ausweichen. ………

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Aus Gewöhnlichkeitsfieber

Gewöhnlichkeitsfieber

wieder zurück aus New York begann david sofort die geburtstagskarte für deborah vorzubereiten. sie hatte in sieben wochen geburtstag. david schrieb einen satz auf die karte, wissend, dass es einer dieser gewöhnlichen, ja, wenn nicht der gewöhnlichste satz war. dann faltete er das papier, steckte es sorgsam in das kuvert, beschriftete es, errechnete, dass der postweg fünf tage betragen wird, im schlechtesten fall vielleicht sieben tage. heftete eine notiz mit dem datum auf das kuvert, an dem er es abschicken musste, damit die glückwunschkarte rechtzeitig deborah erreichte und legte es zu den unerledigten dingen. auf dem weg zur post würde das kuvert ihn nicht mehr belästigen, es würde zwischen allen anderen privaten und geschäftlichen stecken, die er abschicken würde.

hyperentledigung und hypererledigung sagte er sich. ein kleiner triumph. genauso würde es deborah bezeichnen. eher als hypertriumph.

von der Lexington Avenue in sein büro waren es zu fuß vierzig minuten. david verließ das appartment kurz nach deborah. sie steckte schon in ihren schuhen, schlug sich die hellgraue jacke um die schultern und ergriff die tür. sie bevorzugte schwarze, graue und braune kleidung. die jacke war sein geschenk an sie voriges jahr zu ihrem geburtstag. kein blick zu david. er blieb zurück.

er vernahm noch die schritte von deborah zum lift. diese situation war ihm nicht unbekannt. auch die präzisen abläufe der abende vorher kannte er. ausgedacht von ihr, von deborah. jedes stück des gemeinsamen weges geplant, kein zwischenraum, keine erholung, keine ergänzungen. ganze vier jahre. essen in der 33. Strasse. im auto von deborah in sein appartment. er ist bereits im bett,

deborah kommt aus dem bad. er streichelt ihre brüste. nimm ihn in den mund, sagt er. und doch ist es ihre aufforderung.

david hatte deborah im Lenox Hill Hospital kennengelernt. das krankenhaus lag unweit seines appartments in der Lextington Ave Ecke 77. Straße. wenige tage nach seiner ankunft schmerzte das kürzlich operierte gelenk.

man riet ihm, das krankenhaus aufzusuchen…….

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 Aus Nächte der falschen Einsamkeit

… und fange an zu warten……….

….. einige, viele, wenige, keiner, alle, sparsame, gierige, unrasierte, aufgebrachte, depressive und alle anderen, sie gehen durch das warten hindurch, da zieht man sich dann gerne auf seine träume zurück oder auf das denken im traum – betonte er – selbst wenn einem Dr. Christina Yang aus Greys Anatomy erscheint und beschwichtigt: auf einem beim stehst du ganz gut, auf dem anderen nicht. dann verliebt sie sich noch in dich, du betrachtest die anzeige auf dem armaturenbrett – während jemand die tür öffnet – lenkst deine aufmerksamkeit auf die person und konzentrierst dich auf die arbeit, während du manchmal auf dem cd player im auto herumspielst, dann bist du vielleicht ein ganzes stück woanders. rundherum ist alles gleich geblieben. ich halte sie mir alle vom leib denkst du, während du gleichzeitig in der erwartung bist, dass sich die tür rechts hinten öffnet. du kennst du das geräusch aller türen, auch der einen tür ( als sie hinaustrat ). den klang dieser tür kannst du heute noch hören, jedes detail ……..

……… ich bringe berufstätige menschen, die es eben noch waren, nach hause. während ich mich durch das delirium meiner authentizität in den wahnsinn treibe, erbreche ich über Sibylle Bergs twitterschlecken erst viel, viel später. erstenacht, zweitnacht, drittnacht, viertennacht, fünftmalnacht in einer nacht. dein körper besteht nicht aus wasser, knochen und fleisch, dein körper besteht aus zitaten, ich spüre die buchseiten, wenn ich mit dir schlafe, sagt sie zu ihm. buchseiten, nicht dein fleisch steckst du mir in meine vagina, nicht die erregung der nerven in deinem schwanz spüre ich, sondern zitate rieseln auf meine klitoris – präzisiert sie – öffnet ihre bluse, reißt ihr t-shirt hoch, entledigt sich ihrer hose und fragt mich, ob ich einverstanden bin, wenn sie mir eine masturbationsprobe gibt. keine zeit für resignation, kein grund zur sorge aber vor allem keine anspannung kommt auf. überfluss an liebesgeständnissen wäre angebracht, an dich nacht, ………….

Ende der Leseprobe aus Nächte der falschen Einsamkeit

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© 2017 Martin Pail